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  • Die Menschen hinter den Portraits

    Dass die 100 Portraits dieser Ausstellung im kleinen Schleswig-Holstein innerhalb eines guten Jahres entstehen konnten, erscheint fast unglaublich. Hier lernen wir ja nur diejenigen höchst lebendigen Hundertjährigen kennen, die sowohl von der AWO-Aktion wussten als auch bereit und in der Lage waren, daran teilzunehmen. Tatsächlich aber leben noch weitaus mehr so hochbetagte Mitmenschen unter uns. Und 100 Jahre, das ist ja älter als „nur“ alt! Und so betrachten wir diese Gesichter voller Ehrfurcht und staunend. Insgeheim hoffen wir dabei, dass uns die Portraitierten ihr Geheimnis für so ein Jahrhundertleben offenbaren. Falls sie es überhaupt kennen sollten. Erzählt wurde bei der Entstehung der Portraits jedenfalls genug. Kein Foto ohne intensive Gespräche zwischen Fotograf und Fotomodell.

    Die den ausgestellten Bildern zugeordneten Texte geben ja nur die Quintessenz der Unterhaltungen wieder, in denen meist die Vergangenheit den größten Raum einnahm. Nach 100 gelebten Jahren ist das ganz natürlich. Krieg, Flucht und Entbehrungen – ein ganz großes Thema. Für manchen Mann scheint die persönliche Erfahrung des Krieges die wichtigste Erfahrung des ganzen Lebens gewesen zu sein. Viele Frauen sind Kriegerwitwen. Sie berichten von ihrer Flucht mit den Kindern bei Kriegsende und betonen dann oft – als Folge der eigenen Erlebnisse – ihr Mitgefühl mit den heutigen Flüchtlingen. Der Wunsch nach Frieden ist unüberhörbar. Ein Mann:
    Das Kriegsspielen muss ein Ende haben.“
    Bei Gesprächen mit Frauen wurde zudem immer wieder deutlich, wie sehr sie in ihrer Entwicklung durch festgefügte Normen behindert worden waren. Sie sagen:
    Ich beneide die junge Generation, weil sie selbst entscheiden kann, was sie möchte.“
    Ich habe gelernt, mich zu fügen.“
    Früher wurden die Frauen gezwungen, bei den Männern zu bleiben. Eine Scheidung war kaum möglich, weil die Frauen ja auch meist keinen Beruf hatten.“

    Tatsächlich berichten von den 74 portraitierten Frauen nur etwa 20 von einem eigenen Beruf. Und während es unter den interviewten Männern Banker und Schweißer, Landarbeiter und Lotsen, Mechaniker und Studierte gab, eine bunte Mischung also, arbeiteten diese Frauen in der Schule, im Büro, waren Verkäuferin oder Putzfrau. Die meisten aber erfüllten ihre Pflicht ausschließlich zu Hause. Nicht immer gern. Dennoch: die Ehe, die Zeit mit den Eltern, Geschwistern und den eigenen Kindern erscheinen in besonders rosigem Licht. Und wer in der Gegenwart noch von liebevoller Fürsorge von Familienangehörigen umgeben ist, preist sich glücklich. Man fühlt sich umsorgt und kann sich über die Vergangenheit unterhalten. Die Gegenwart wird dabei nicht ausgeklammert. Zeitung, Radio und Fernsehen gehören oft zum täglichen Leben. Man äußert sich über die technische Entwicklung, über Klimawandel und Umweltverschmutzung und spart nicht mit Kritik. Hat die persönliche Lebensführung zum hohen Alter beigetragen? Die Antwort fällt schwer. Denn eine Dame war schon als Kleinkind kränklich, ein Herr aber in seinem ganzen Leben noch nicht krank. Manche waren begeisterte Läufer oder Schwimmer, andere haben nie an eine sportliche Betätigung gedacht: „Sport? Nein, nein! Niemals!“

    Manche mussten lebenslang jeden Pfennig, jeden Cent umdrehen, andere erzählen von wundervollen Fernreisen. Aber eigentlich sind alle rückblickend mit ihrem Leben zufrieden, bewerten es als „erfüllt“. Und dann waren sie irgendwann 100 Jahre oder noch älter und staunen:
    Ich kann es kaum glauben, dass ich so alt geworden bin“,
    Bei dem Wort uralt denke ich plötzlich: Mensch, das bin ja ich!“ oder
    Ich fühle mich nicht wie eine 100-Jährige.“

    Die Frage ist: Wie fühlt sich denn eine 100-Jährige überhaupt?
    Die Protagonisten in Bernd Bünsches Buch haben da kaum Gemeinsamkeiten. Wenige nur sehnen den Tod herbei, weil sie von altersbedingter Unselbständigkeit erlöst werden möchten. Zwar sind meist Augen und Gehör schwach geworden, zwar ist oft der Rollator der unentbehrliche ständige Begleiter oder man sitzt inzwischen im Rollstuhl. Aber die Lebensgeister sind noch frisch und pfiffig. Ausspruch eines 101-Jährigen:
    Im Koppe bin ich noch wach.“
    Erstaunlich viele Damen und Herren leben noch selbständig in der eigenen Wohnung. Und immer wieder hört der Fotograf:
    Man muss aktiv bleiben.“ oder „Alles was noch möglich ist, muss man machen.“
    Das betont auch eine Bewohnerin aus einer Pflegeeinrichtung.

    Glücklich derjenige, der die Neugier auf das Leben auch in 100 Lebensjahren noch nicht verloren hat und in der Lage ist, trotz körperlicher Einschränkungen das Beste aus seiner Situation herauszuholen.
    Heilfroh, dass ich noch 1+1 zusammenzählen kann“, schildert so ein Lebenskünstler im Rollstuhl sein Befinden. „Ich fühle mich nicht einsam, bin aber auch gern allein.“
    Er scheint up to date, beschäftigt sich mit Zeitungslesen und Kreuzworträtseln. Und wenn er dabei stecken bleibt, schaut er selbstverständlich im Internet nach. Generell wird nun die Ernte der früheren Lebenshaltung eingefahren. Manchmal fällt sie mager aus. Wer in jüngeren Jahren wenig soziale Kontakte und keine Hobbys pflegte, wer keine geistigen Interessen hatte, klagt nun besonders über Einsamkeit und Langeweile. Die gleichaltrigen Nachbarn, Freunde und Verwandten sind ja nicht mehr da. Andererseits zahlt sich jetzt nicht nur der gute Umgang mit Kindern, Enkeln und Urenkeln aus.

    Menschen, die früher neugierig, interessiert, sozial engagiert waren, scheinen auch mit 100 Jahren noch ihren Platz mitten im Leben zu behalten. Sie berichten von erstaunlichen Aktivitäten. Eine frühere Lehrerin paukt mit einem 13-jährigen Schüler wöchentlich Latein – und als Gegenleistung fährt er sie im Rollstuhl spazieren. Musikunterricht gab eine Hundertjährige in ihrem Berufsleben, nun trifft sie dreimal wöchentlich Freunde zum gemeinsamen Musizieren. Auch noch nach 105 Lebensjahren hat eine Germanistin das Interesse an der Sprache nicht verloren. Zwar sind die Augen nun zu schwach zum Lesen, aber sie trifft sich weiter in kleinem Kreise zum Vorlesen und Rätseln. Aus den Händen einer begeisterten Strickerin entstehen unermüdlich Socken für Schützlinge des DRK. Von Arbeit in Haus und Garten erzählen zwei Männer, also von einer Beschäftigung, bei der man still im eigenen Tempo vor sich hin werkelt. Doch es gibt auch in diesem hohen Alter noch das Gegenteil: Aktivitäten in der Gemeinde, Freude am Tanzen, Kontakte mit alten Sportfreunden oder jungen Menschen.
    Es sind alles Verhaltensweisen und Beschäftigungen aus jüngeren Jahren, die nun fortgeführt werden. Etwas Neues, so scheint es, fängt man als „Ur“alte oder „Ur“alter nicht mehr an. Leider habe er sich nicht rechtzeitig ums Internet gekümmert, sagt der Elektromechaniker im Gespräch. Nun sei es leider zu spät. Denn viel Zeit, da gibt es keinen Zweifel, bleibt nicht mehr. Die Spanne der Zukunft ist kurz bemessen, wenn man bereits 100 Jahre gelebt hat. Gelassen erwartet man das Lebensende, möglichst ohne zusätzliches Leiden. Die 102-jährige Johanna H. bringt es mit einer gewissen Komik auf den Punkt:
    Ich wünsche mir, wenn ich morgens aufwache, dass ich nicht mehr lebe. Aber bisher ist es noch nicht passiert.“

    von Barbara Kotte